19.04.2011 Angelika Kirchschlager und die Philharmonia Schrammeln
Als der Österreichische Rundfunk in den frühen 1990er Jahren mit Walter Berry, Heinz Zednik und den
Philharmonia Schrammeln die größte Sammlung von
Wienerliedern, die Alben des Eduard Kremser, dokumentierte, stand man nach der sechsten von insgesamt fünfzehn CDs vor der Aufgabe, eine Sängerin für die Frauenlieder zu finden. Er habe da eine Schülerin, meinte Walter Berry, eine junge Mezzosopranistin aus Salzburg, die gerade im Begriff sei, ihre ersten Opernerfahrungen in Graz zu sammeln. Ob man sie nicht ausprobieren könnte, das Wienerische würde sie mit der Zeit schon lernen. Wie recht er doch behalten sollte!
Ich erinnere mich noch an den ersten Kontakt mit der jungen Angelika, wie sie von Anfang an unsere Herzen verzauberte und sich ansatzlos in das Team integrierte. Kurze Zeit später war sie bereits Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und ihre Karriere nicht mehr aufzuhalten. Viel ist seither über Stimme und Sangeskunst der Angelika Kirchschlager gesagt worden, aber abgesehen von ihren künstlerischen Qualitäten war es vom ersten Moment an eine reine Freude, mit ihr zu tun zu haben, beruflich wie persönlich. Daran hat sich bis heute nichts geändert, außer dass aus dem “Küken” der Kremser-Alben-Produktion längst “die Kirchschlager” geworden ist.
Die Liebe zum Wienerlied hat sich Angelika Kirchschlager bewahrt, und der Kontakt zu “ihren” Schrammeln ist in all den Jahren nie abgerissen. Immer wieder gab es gemeinsame Sternstunden, beispielsweise als die Philharmonia Schrammeln in der Saison 1999/2000 ihren ersten Abonnementzyklus im Brahms-Saal des Wiener Musikvereins spielten und es sofort klar war, dass dieser Start mit Angelika gemeinsam gefeiert werden musste. Für dieses Konzert entstanden damals die Arrangements der Mahler-Lieder, und bald darauf für ein Folgekonzert in Genf die ersten Schubert-Lieder. Von da an war die Idee, diese Musik einmal miteinander aufzunehmen, für immer in unseren Köpfen – auch in dem von Pierre Skrebers, dem Genfer Veranstalter, der schließlich mit großem Engagement die vorliegende Produktion möglich machte.
Zu den Arrangements
Die Wiener Volksmusik hatte immer auch die
Funktion der Liedbegleitung. Die originalen Schrammeln, also das
Quartett der Brüder Schrammel mit Dänzer und Strohmayer, traten so gut
wie immer gemeinsam mit Volkssängern, Dudlern und Kunstpfeifern auf. Als
es darum ging, die Lieder der Kremser-Alben möglichst authentisch
wienerisch zu realisieren, bediente sich Eberhard Götz, der die meisten
Bearbeitungen lieferte, einer bewährten Arbeitsweise: Die beiden Geigen
spielten, oft in Terzen, die Melodie, die Harmonika verdoppelte diese in
tieferer Lage, und die Gitarre war für das rhythmische wie harmonische
Gerüst zuständig. Was in der Volksmusik als weithin vertrauter Klangstil
wunderbar funktionierte, musste so aber nicht auf Lieder der
klassischen Literatur angewendet werden, auch wenn ich es bei den
Brahms-Liedern, die 1999 entstanden waren, noch versucht hatte. Die
Altwiener Knopfharmonika ermöglicht ja wunderbar weiche Akkordwechsel
und fügt sich geschmeidig in den warmen Klang der Geigen.
Als
jedoch die Idee zu den Mahler-Liedern aufkam, wollte ich von Anfang an
die kleine Klarinette dafür einsetzen. Mit den Erfahrungen von Mahlers
Orchesterliedern und Symphonien im Hintergrund und bedingt durch das
wesentlich solistischere Auftreten des “picksüßen Hölzls”, entstanden
völlig neue Klangfarben, die nun weg vom reinen Begleiten hin zu einem
Dialog zwischen Stimme und Instrument führten. Im Bestreben, die
Kompositionen nicht durch “Bearbeiten” zu verfremden, hielt ich mich
möglichst genau an die Originale; die Kuckucksrufe in der “Ablösung”
sind eine der ganz wenigen Freiheiten, die ich mir dabei erlaubte.
Ansonsten sollte allein der “Schrammelklang” für die Assoziation mit der
Wiener Volksmusik sorgen, die ja auch eine der Wurzeln im Schaffen
Gustav Mahlers war.
Dieser Schrammelklang war dann bei Schuberts
Liedern nicht mehr das Maß der Dinge. Vielmehr ging es darum, mit dem
vorhandenen Instrumentarium in verschiedensten Kombinationen möglichst
lebendige und im Sinne der Kompositionen authentische Klangbilder zu
schaffen. Dabei stand immer die Frage im Hintergrund, ob Franz Schubert,
hätte er für ein solches Ensemble geschrieben, vielleicht ähnliche
Farben verwendet hätte. Das Problem war dabei weniger, wie etwas zu
arrangieren wäre, sondern eher was man für die Schrammeln bearbeiten
könnte. Viele Lieder sind mit unseren Instrumenten nicht realisierbar,
vor allem wenn in der linken Hand der Klavierbegleitung allzu viel
schnelle und laute Töne geschrieben sind. Das einzige wirklich tiefe
Instrument im Ensemble ist die Kontragitarre. Mit deren Basssaiten aber,
die nicht gegriffen, sondern nur mit dem rechten Daumen gezupft und
gestoppt werden, sind schnelle Tonfolgen nicht machbar. Auch andere
spieltechnische Grenzen galt es einzuhalten, wobei diese im Falle des
picksüßen Hölzls durchaus überschritten wurden. Das ursprüngliche
“Pfeiferl” der k.k. Militärmusik ist nun einmal für solche Art
Kammermusik nicht gebaut worden. Man muss Hannes Moser dankbar sein,
dass er dennoch unermüdlich versucht, darauf wie auf einer “normalen”
Klarinette zu spielen. Wenn dann beispielsweise im “Ständchen” der erste
“picksüße” Ton einsetzt, vereinen sich Lächeln und Tränen in den
Gesichtern der überraschten Zuhörer, die dieses Lied im Original
auswendig kennen.
Martin Kubik